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Marinekameradschaft KSS e.V.
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Diskussionsforum
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Hans Steike
Vorstand
   

Dabei seit: 06.09.2002
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Hallo Männer,
im Moment ist es ja recht ruhig im Forum. Vielleicht kann man das mit einer Diskussion über Literatur zur Volksmarine, die nach 1990 erschienen ist, etwas beleben. Ich möchte mich heute über das Buch "Im Alarmzustand" Autor Fregatrtenkapitän a.D. Ewald Tempel auslassen.
Vorab: Die DDR und damit die Volksmarine sind jetzt schon 20 Jahre Geschichte und jeder von uns „Ehemaligen“ hatte 20 Jahre Zeit, sich seinen Platz in der jetzigen Gesellschaftsordnung zu suchen. Da bleibt es nicht aus, dass je nach gefundener Position und den Einflüssen, denen man unterliegt, der Rückblick ganz unterschiedlich ausfällt. Er reicht von kritikloser Verklärung alter Zeiten bis zur totalen Ablehnung. Das ist Sache eines jeden selbst. Wenn man sich allerdings mit Publikationen der Öffentlichkeit stellt, sollte man schon ein Mindestmaß an Sachlichkeit walten lassen.
Von dieser Warte aus habe ich Herrn Tempels Buch mit sehr gemischten Gefühlen gelesen und manchmal gedacht, ich hätte in einer anderen Flotte gedient. Tempel hatte als Offizier in der Abteilung Aufklärung der SSK/VM seinen Dienst versehen. Solange er bei seinem Fachthema – der Organisation der Aufklärungstätigkeit - bleibt, kann man sich mit der sachlichen Beschreibung und der Schilderung verschiedener Episoden durchaus anfreunden.
Von weniger Sachlichkeit geprägt sind dann seine Ausfälle gegen Vorgesetzte, seine Kameraden („Mobbing gehörte zum Alltag“) und besonders allgemein gegen die Politoffiziere, die bei ihm alle über einen Kamm geschoren als verbohrt, intolerant, dreist verlogen und dumm geschildert werden. Er lässt sich tadelnd über die damalige Berichterstattung zum militärischen Gegner aus, die seiner Meinung nach „…mit entsprechenden Termini und ideologisch–determinierten Adjektiven ergänzt und damit oft inhaltlich entwertet wurde.“ Wenn er das so sieht, warum entwertet Tempel sein Buch dann selbst? Übernimmt er doch die damalige Terminologie des Westens immer dann, wenn er sich über die Sowjetunion, ihre Führung, die sozialistischen Staaten und den Warschauer Vertrag auslässt. Da wimmelt es von „ideologisch-determinierten“ Bezeichnungen wie brutal, aggressiv, unberechenbar, skrupellos, gefährlich, hinterhältig, verantwortungslos, verlogen, prahlerisch usw., usw. Die USA und die NATO dagegen sind selbstverständlich stets friedliebend, immer berechenbar und handeln in den – natürlich grundsätzlich vom Ostblock provozierten - Spannungs-Perioden nur deeskalierend.
Ganz peinlich wird es, wenn er internationale Ereignisse kommentiert. Höhepunkt dabei ist seine Sicht auf die Kubakrise. Bei Tempel sieht diese in Kurzfassung so aus: Kriegslüsterne, verschlagene, aggressive und verantwortungslose Sowjetführer stationieren mit Erlaubnis des roten Diktators Castro Atomraketen und Truppen auf Kuba und bedrohen so die USA. Verantwortungsvoller und friedliebender US-Präsident ist gezwungen, Seeblockade gegen Kuba zu verhängen. Russen kuschen vor Militärmacht der USA und ziehen Raketen aus Kuba ab. Die Welt (und Tempel) feiert den US-Präsidenten als strahlenden Sieger in diesem Konflikt und als Retter des Weltfriedens, der gleichzeitig den Russen eine gewaltige Schlappe verpasst hat.
Ach, Herr Tempel, als Aufklärer haben Sie da wohl recht oberflächlich recherchiert. Sie hätten sich über Hintergründe, Verlauf und Ergebnis der Kubakrise zum Beispiel im Internet bei Wikipedia (nicht kommunistisch unterwandert) informieren können. Noch gründlichere Informationen liefert das Buch des Amerikaners Tim Weiner (Journalist und zweifacher Pulitzer-Preisträger, sicher auch kein Roter) „CIA – die ganze Geschichte“. Richtig muss die Kurzfassung wohl so lauten:
USA stationieren schon ab 1961 in der Türkei atomare Mittelstreckenraketen mit Ziel Sowjetunion. Diese sind ab Frühjahr 1962 einsatzbereit. Gleichzeitig werden in der US-Regierung Forderungen immer lauter, nach dem Dilemma in der Schweinebucht diesmal mit einer direkten amerikanischen Invasion das sozialistische Experiment auf Kuba zu beseitigen. Sowjetunion nimmt sich das gleiche Recht wie die USA heraus und beginnt ihrerseits mit Zustimmung der kubanischen Regierung, atomare Mittelstreckenraketen und Truppen auf Kuba zu stationieren, um so die USA von einer Invasion abzuschrecken. Es kommt zur amerikanischen Seeblockade und einer Pattsituation, da es sich beide Seiten nicht leisten können, die Spannungen so eskalieren zu lassen, dass sie zu einem Krieg führen. In dieser Situation ist es Chruschtschow, der dem amerikanischen Präsidenten einen Ausweg anbietet: „Wir ziehen unsere Raketen aus Kuba ab, wenn ihr öffentlich erklärt, Kuba nicht angreifen zu wollen und wenn ihr eure Raketen aus der Türkei abzieht.“ Es gibt keinen anderen Ausweg! Kennedy muss zustimmen, erbettelt sich von Chruschtschow aber die Zusage, dass die Verpflichtung zum Abzug der Raketen aus der Türkei nicht publik gemacht wird. Er möchte sein Gesicht vor der amerikanischen Öffentlichkeit nicht verlieren. Damit kann Chruschtschow leben. Nach dem Abzug der sowjetischen Raketen von Kuba ziehen kurz danach auch die Amerikaner klammheimlich ihre Raketen aus der Türkei ab.
Resümee der damaligen Ereignisse: Vor der Krise bedrohen amerikanische Atomraketen die Sowjetunion und Washington plant die militärische Vernichtung des kubanischen Sozialismus. Nach der Krise gibt es keine amerikanischen Raketen mehr in der Türkei und die USA müssen öffentlich von einer Invasion auf Kuba abrücken. Der US-Präsident als strahlender Sieger? Komische Logik, Herr Tempel!
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17.12.2010 11:30 |
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U-Jäger
1.WO


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Eingedenk der Erfahrungen, die ich mit Politoffizieren ab Ebene Brigade sammeln durfte, fand ich Ewald Tempels Darstellungen nicht übertrieben.
Ich rede jetzt nicht über die PV`s der Schiffe oder die StKPA´s der Abteilung, die oft genug als Blitzableiter oder Kummerkasten herhalten mussten und eine Linie vertreten sollten, an die sie selbst nicht glauben konnten. Aber das arrogante, selbstgefällige Auftreten der Herren aus den Politorganen der Flottille oder Brigade, immer mit der Prämisse "Die Partei hat immer recht!" war und ist mir immer noch suspekt. Da ging es nicht um Hilfe und Anleitung, da ging es um Disziplinierung.
Und Mobbing gehörte tatsächlich zum Alltag in der NVA, die EK-Bewegung war die extremste Form. Aber musste nicht auch der 4.Flottille der frische Leutnant öfters Dienste stehen als sein Kamerad, der ein Jahr länger an Bord war?
In einem stimme ich Hans Steike zu, die Darstellung der Lagebeurteilung und die Kritik an der damals verwendeten Terminologie scheint mir doch sehr von heutigen Erkenntnissen beeinflusst zu sein. Da wird auch Herr Tempel damals nicht gegen den Strom geschwommen sein. Dieser billige Opportunismus und Populismus scheint mir auf Verkaufsförderung abzuzielen und beeinträchtigt meinen Gesamteindruck.
Trotzdem möchte ich eine Kauf- oder wenigstens Leseempfehlung aussprechen.
__________________ VM 1978 - 1990, BO, 3.KSSA
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28.12.2010 14:08 |
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Mappe
Bootsmann
 

Dabei seit: 11.01.2012
Beiträge: 6
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| Zitat: |
Original von U-Jäger
Eingedenk der Erfahrungen, die ich mit Politoffizieren ab Ebene Brigade sammeln durfte, fand ich Ewald Tempels Darstellungen nicht übertrieben.
Ich rede jetzt nicht über die PV`s der Schiffe oder die StKPA´s der Abteilung, die oft genug als Blitzableiter oder Kummerkasten herhalten mussten und eine Linie vertreten sollten, an die sie selbst nicht glauben konnten. Aber das arrogante, selbstgefällige Auftreten der Herren aus den Politorganen der Flottille oder Brigade, immer mit der Prämisse "Die Partei hat immer recht!" war und ist mir immer noch suspekt. Da ging es nicht um Hilfe und Anleitung, da ging es um Disziplinierung.
Und Mobbing gehörte tatsächlich zum Alltag in der NVA, die EK-Bewegung war die extremste Form. Aber musste nicht auch der 4.Flottille der frische Leutnant öfters Dienste stehen als sein Kamerad, der ein Jahr länger an Bord war?
In einem stimme ich Hans Steike zu, die Darstellung der Lagebeurteilung und die Kritik an der damals verwendeten Terminologie scheint mir doch sehr von heutigen Erkenntnissen beeinflusst zu sein. Da wird auch Herr Tempel damals nicht gegen den Strom geschwommen sein. Dieser billige Opportunismus und Populismus scheint mir auf Verkaufsförderung abzuzielen und beeinträchtigt meinen Gesamteindruck.
Trotzdem möchte ich eine Kauf- oder wenigstens Leseempfehlung aussprechen. |
Dem hier Gesagten (Geschriebenen) stimme ich zu: Es gab eine nicht zu übersehende EK-Bewegung, auch wenn die zu meiner Zeit schon gezähmter war, als ich dies aus den 60-igern und 70-igern gehört hatte. Der Druck durch Politoffiziere war nicht größer oder lästiger, als durch ähnliche Medien in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vor der Wende, aber er existierte eben und jeder arrangierte sich damit oder ging unter...
Was mich viel mehr erschütterte, ist die Tatsache, dass in fast jedem Bereich einer für die Stasi wirkte, aber als solcher Informant eben oft nicht erkennbar war.
Ich war Berufseemann und bereits zugelassen für ein Studium an der damaligen IHS und durfte nach meinen 4 Jahren bei der Marine (an die ich mich gerne erinnere) nicht weiter zur See fahren. Welche Gründe da konkret die Erneuerung des Sichtvermerkes in meinem Seefahtrtsbuch verhinderten, kann ich bis heute nur erahnen...
Soll heißen, ich halte nichts von der heutigen Berichterstattung, nach welcher die gesamte DDR einem KZ ähnelte und jeder dritte bei der STASI, jeder zweite in der SED war (viele Wessis realisieren nicht einmal, dass dies etwas unterschiedliches ist) und alle Ostsdeutschen Sächsisch sprachen. Die Volksmarine war eine für jede Nation notwendige und legitime Institution, in der viele einen ehrbaren und gewissenhaften Dienst taten, der nicht ausschließlich mit Stasi oder Propaganda zu tun hatte. Und doch ist es wichtig, sich auch an daran zu erinnern, dass Partei & Stasi ständig präsent waren, sich überall hineinhingen und trotzdem alles oder besser vieles an denen vorbei eben irgendwie funktionierte...
Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Mappe: 11.01.2012 15:13.
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11.01.2012 15:12 |
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